Kulturelle Referenzen in der Übersetzung (oder was ist ein Brot?) | Luan Orsini - Staatlich geprüfter Übersetzer für Portugiesisch (Brasilien)

Kulturelle Referenzen in der Übersetzung (oder was ist ein Brot?)

Sprache und Kultur sind nicht voneinander zu trennen. Ob wir es merken oder nicht, interpretieren wir Texte immer anhand unserer kulturellen Referenzen, die sehr unterschiedlich sein können. Daher sind kulturelle Anpassungen in der Übersetzung sehr wichtig: Wenn man die ausgangssprachlichen Referenzen ohne weitere Überlegungen einfach übernimmt, kann die Übersetzung oft das gewünschte Ziel verfehlen.

Ich kann als Beispiel eine Werbung zitieren, die ich für einen Sommerkurs in England ins brasilianische Portugiesisch übersetzt habe. Da war der Aspekt „Sommer“ besonders hervorgehoben, also dass man eine Sommerreise genießen und dabei noch etwas lernen könnte. Das war für die Übersetzung problematisch: Zum einen ist es in Brasilien zur europäischen Sommerzeit Winter, zum anderen gibt es im größten Teil des Landes kaum Unterschiede zwischen den Jahreszeiten und der Begriff „Sommer“ hat nicht die gleichen positiven Assoziationen wie in Europa – so würde eine wörtliche Übersetzung für den Zielleser wenig Sinn machen, und ihren gewünschten Zweck wäre nicht erfüllt.

Meine Lösung war also vom „europäischen Sommer“ zu reden und subtil hervorzuheben, dass das eine besonders gute Zeit ist, England zu besuchen. Damit konnte die Übersetzung ihr Ziel erreichen: Die brasilianischen Leser wurden richtig über den Zeitraum informiert und der Attraktivitätsfaktor vom „Sommer“ wurde so gut wie möglich übertragen.

Gerade die Verwendung von Jahreszeiten als Zeiträume ist eine Schwierigkeit, mit dem man in – auch technischen – Übersetzungen für die andere Halbkugel der Erde oft konfrontiert wird. Wenn ein deutscher Text z.B. sagt, dass ein neues Produkt im Herbst in den Markt kommt, ist es nicht ideal vom „europäischen Herbst“ zu reden, auch weil nicht jeder wissen würde, in welchen Monaten das liegt. Auch die zeitlich äquivalente Jahreszeit – der Frühling – ist keine gute Wahl, weil das den Leser verwirren könnte, wenn er weiß, dass von einer Markteinführung in Europa die Rede ist und dass die Jahreszeiten da umgekehrt sind. In Brasilien passt diese Option schon deswegen gar nicht, weil es da nicht üblich ist, Jahreszeiten als Zeitreferenz zu verwenden. Man muss also (in Anbetracht des Kontexts) einen Zeitraum angeben, der ungefähr dazu passt: im letzten Quartal, im Oktober, gegen Ende des Jahres, usw. So wird die Information in einer Weise weitergegeben, die für einen lokalen Leser natürlich und verständlich wirkt – was in der heutigen Übersetzungsindustrie normalerweise oberstes Gebot ist.

Und als letztes Beispiel komme ich zu meiner Frage im Titel: Was ist ein Brot? Jedes Wörterbuch würde für Englisch die Übersetzung bread, für Portugiesisch pão anbieten. Dennoch würde sich ein Brasilianer oder US-Amerikaner darunter nicht genau das vorstellen, was ein Deutscher unter Brot versteht, sondern eher ein weiches, weißes Nahrungsmittel, das hier als Toastbrot bekannt ist. Außerdem hat es auch eine ganz andere Konnotation; dass deutsche Auslandsschüler oft gerade Brot vermissen, wirkt in vielen Ländern lustig, weil Brot im Ausland oft eine fast geschmacklose Beilage ist, die lediglich dazu dient, den (viel wichtigeren) Inhalt eines Sandwichs zu halten.

Da kann ich mir also durchaus Situationen vorstellen, in denen ein bread ohne weitere Erklärungen keine passende Übersetzung für Brot wäre. So eindeutig und einfach wie der Begriff einem scheinen mag.

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