Wichtige Kompetenzen für freiberufliche Übersetzer | Luan Orsini - Staatlich geprüfter Übersetzer für Portugiesisch (Brasilien)

Wichtige Kompetenzen für freiberufliche Übersetzer

Die Arbeit als Übersetzer enthält mehr als das bloße Übertragen von Texten von einer Sprache in die andere. Unten habe ich ein paar der Kompetenzen aufgelistet, die meiner Meinung nach unter den wichtigsten sind, um als freiberuflicher Übersetzer eine gute Arbeit leisten zu können.

 

Zeitmanagement

Eine ausgefeilte Zeitplanung ist extrem wichtig, da Übersetzungsagenturen und -kunden es mit der Pünktlichkeit sehr ernst nehmen. Wenn ein Übersetzer nicht einschätzen kann, wie viel Zeit für jeden Auftrag nötig ist und seine Zeit nicht entsprechend einteilen kann, kann er dadurch Verspätungen verursachen oder aus mangelnder Zeit eine Arbeit mangelnder Qualität liefern. Diese beiden Möglichkeiten sind katastrophal und auf jeden Fall zu vermeiden.

Man soll also schon früh versuchen, sein Übersetzungsoutput pro Stunde bzw. Tag möglichst genau einzuschätzen, auch in Bezug auf die verschiedenen Textarten/Fachgebiete. Ich persönlich habe diese Einschätzung mithilfe einer Stoppuhr realisiert und verwende heute eine Excel-Tabelle mit Formeln, um die Aufträge nicht aus dem Auge zu verlieren.

Zuletzt gilt: Im Zweifel lieber zu viel Zeit für einen Auftrag einplanen als zu wenig. Man schuldet es dem Kunden, sicherzustellen, dass man nicht zu wenig Zeit hat, um den Auftrag in der bestmöglichen Qualität erledigen zu können.

 

Recherchefähigkeiten

Gute Recherchequellen sind für eine gute Übersetzung unabdingbar.

Unerfahrene Übersetzer haben die Tendenz, sich zu sehr auf Wörterbücher zu verlassen. Während gute Wörterbücher in der Tat sehr wichtig sind, sind sie für professionelles Übersetzen unzureichend und man muss wissen, wie und wann man sie einsetzen kann/soll.

Darüber hinaus sind u.a. auch Enzyklopädien, Paralleltexte (Originaltexte und deren Übersetzungen) und Fachzeitschriften in beiden Sprachen sehr wichtig, wenn man eine Übersetzung guter Qualität gewährleisten will. Dazu gehört also mehr als einfach Begriffe in einer Liste nachzuschauen; man muss sich langsam in den Fachgebieten ausbilden, sich neuen Wortschatz und Formulierungen aneignen.

Damit liefert man nicht nur eine bessere Übersetzung, sondern kann sich auch gegenüber misstrauischen Kunden oder Lektoren besser rechtfertigen. Auch wo mehrere Varianten möglich sind und es dann unproblematisch ist, wenn der Kunde aus Präferenzgründen die eine die andere Formulierung bevorzugt, soll man seine Wahl immer begründen können. Zweifelt ein Prüfer dann an der Richtigkeit eines angewendeten Begriffes, kann der Übersetzer seine Wahl z.B. damit verteidigen, dass ein Regierungsausschuss zum Thema genau diese Formulierung verwendet hat; findet man den Begriff dagegen nur in maschinell übersetzen Websites und Foren mit Laienmeinungen, kann das seine Arbeit in ein schlechtes Licht rücken.

 

Sprachliche und kulturelle Kenntnisse

Es liegt auf der Hand, dass man ohne sehr gute Kenntnisse in der Fremdsprache nicht gut übersetzen kann.

Darüber hinaus sind aber tiefe Kenntnisse über die Kultur und allgemein die örtlichen Gegebenheiten der betroffenen Länder/Sprachräume genauso wichtig, um sich Nuancen im ausgangsprachlichen Text bewusst zu sein und diese im zielsprachlichen Text gut wiedergeben zu können.

Es gibt viele feine Details, die sich ohne tiefgehende Kenntnisse beider Kulturen kaum richtig übertragen lassen. Ein wichtiger Brief an einen Geschäftspartner z.B. kann durch eine verfehlte Übertragung des richtigen Tons eine unerwünschte Wirkung haben, und eine höfliche Formulierung auf Deutsch kann manchmal in einer eher wörtlichen Übersetzung ins brasilianische Portugiesisch unhöflich wirken. Solche Probleme sind in direkten Anschreiben und in Marketing- und Werbungstexten am häufigsten zu sehen, kommen aber auch in fachlichen Texten nicht selten vor.

Man könnte Tausende von Beispielen auflisten, aber erst einmal genügt es zu wissen, dass man kulturelle Unterschiede im Übersetzungsprozess nie unterschätzen sollte. Auch deswegen ist es im Fall von Portugiesisch wichtig, einen Übersetzer der richtigen Sprachvariante einzustellen; ohne fundierte Erfahrungen im portugiesischen Alltag und Kultur kann ein Brasilianer keinen adäquaten Text für die portugiesische Zielgruppe schreiben.

 

Gute Schreibfähigkeiten in der Muttersprache

Diese Kompetenz wird oft unterschätzt. Am Anfang konzentrieren sich viele, die Übersetzer werden wollen, auf ihre Kenntnisse der Fremdsprache(n), die natürlich auch sehr wichtig sind und ja auch sehr gut sein müssen.

Gute Fähigkeiten in der eigenen Sprache sind aber genauso wenig zu vernachlässigen. In der Regel übersetzt man in seine Muttersprache, und wenn ein Kunde den Übersetzer ordentlich zahlt, um einen Text übersetzen zu lassen, der in der Ausgangssprache sorgfältig und professionell erstellt wurde, erwartet er natürlich – zu Recht – einen zielsprachlichen Text (mindestens) gleicher Qualität.

Der Übersetzer ist auch ein Schriftsteller, der einen großen Teil von seinem Alltag damit verbringt, Texte in seiner Muttersprache zu verfassen. Dies muss er also gut können – was nicht von selbst kommt, sondern ein hohes Maß an Lernen und Üben erfordert.

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